Das Zertifizierungsparadox

In 20 Jahren Enterprise IT kaum ein Thema, in 2 Jahren Dienstleister ein Dauerthema. Zertifizierungen. Ich bin ähnlich zertifiziert wie Gesichtsbehaart, kaum. Kenne ich mich deshalb weniger mit XY aus? Willkommen zum Zertifizierungsparadox.

Paradox, weil ich die Vorzüge von Zertifizierungen durchaus sehe. Sie geben den Herstellern die Möglichkeit, einen gewissen Kenntnisstand abzufragen und damit ein Qualitätsminimum für Vertrieb und Services rund um ihre Produktpalette vorzugeben. Zertifizierungen geben Mitarbeitenden die Möglichkeiten, angeeignete Kenntnisse zu prüfen und gegenüber Dritten auszuweisen. Kunden ermöglichen sie ein Minimalmass an Kenntnis über gesuchte Lösungen vorauszusetzen und Eingaben rasch auszuwerten. Paradox aber auch, weil jedes System manipuliert wird. Weil Zertifizierungsprüfungen Wissen effizient abfragbar machen müssen, und weil einfache Selektionen kaum das komplette Bild zeigen. Lasst es mich am mir bekannten Beispiel von Microsoft thematisieren:

Herstellersicht

Microsoft stellt in erster Linie Lösungen her und bereit. Ein Netz von Partnerunternehmen übernimmt Teile des Vertriebs, der Lösungsimplementations und dessen Betrieb. Um bestehenden und potentiellen Kunden eine Richtschnur in der Partnerauswahl zu geben, gibt es den Partnerschaftsstatus Gold, etc. Dieser setzt sich einerseits aus Umsatz im bestehenden Gebiet, aber auch anhand zertifizierter Expert*innen zusammen1. Damit Expert*Innen sich zertifizieren können, benötigt es Prüfungen. Und diese müssen weltweit effizient durchführbar sein. Die Frage “Was passiert nach Eingabe einer URL im Browser?"2 oder die Frage “Ordnen sie folgende Aktionen nach Eingabe einer URL in der zeitlichen Reihenfolge” behandeln auf den ersten Blick das gleiche Thema. Erstere bietet im Freitext beantwortet aber beinahe unendliche Beantwortungsmöglichkeiten und die Möglichkeit einzuschätzen, in welchem Teilgebiet eine Prüfperson welchen Kenntnisstand hat. Ist sie effizient auszuwerten? Nein. Die Microsoft-Prüfungen haben deshalb relativ viele Aspekte die ziemlich detailliert Vorgehen abfragen. Etwas, was ich in der Praxis nie ohne Konsultation der aktuellen Dokumentation umsetzen würde.

Kundensicht

Der Einsatz oder die Erneuerung von Technologien sind oft eine grössere Sache. Die Projekte wollen deshalb gut überlegt sein. Im Bereich der öffentlichen Hand werden nicht selten Ausschreibungen notwendig. Wie findet man den richtigen Partner? Referenzen, klar. Projekte in ähnlicher Grössenordnung, logisch. Doch beides kann noch aus komplett unbeteiligten Bereichen kommen. Zertifizierte Angestellte ist eine Möglichkeit relevante Kenntnisse im gesuchten Bereich zu fordern. Leider bietet das nicht das relevante Bild ab. Es kann zur Bildung einer “shortlist” dienen, mehr aber auch nicht. Aus, zugegeben rein anektodischer Evidenz, kenne ich folgende Situation: Man hat absolute Helden auf dem Gebiet XY. Diese haben sich über Jahre von Neugier einen imensen Erfahrungsschatz in Technologie- und Umsetzungskompetenz angeeignet. Die sind aber meist auch nicht unterbeschäftigt und haben wenig Zeit oder Lust für eine Zertifizierung zu büffeln. Umgekehrt gibt es in gewissen Themen Neulinge, welche sich noch Grundlagen aneignen, wozu Zertifizierungsvorbereitungen durchaus ein probates Mittel sind. Ob jetzt die Existenz Zweiterer aufs Vorhandensein Ersterer schliessen lässt, darf man sich selber beantworten3.

Quo vadis?

Ich sprach ja davon, dass jedes System früher oder später manipuliert wird. Der Zeitpunkt und das Ausmass sind dabei im direkten Zusammenhang auf den Vorteilen die das System auslöst. Im Falle von Zertifzierungen können die Vorteile enorm sein. Darum gibt es wohl eine nicht unerhebliche Anzahl von Treffern, wenn man nach dem Begriff Braindumps sucht. Diesem Trend wirken Hersteller mit erweiterten Prüfungen entgegen. Die Cloud bringt dem Hersteller die Möglichkeit in Prüfungen “Labs” zu bieten. In diesen Labs wird dann das Gewünschte effektiv umgesetzt. Auf der Lernplattform von Salesforce, Trailhead wird bspw. aktiv geprüft, ob die gelernten Konfigurationen effektiv umgesetzt wurden, bevor dem Konto Punkte gutgeschrieben wurden. Microsofts Learn ist da noch etwas nachgiebiger. “Labs” sind aber aus meiner Sicht der nächste Schritt in der Abfrage von Kompetenzen.

In fact, the multiple choice trivia questions just felt sad and diminished even further in comparison. Working with AWS isn’t about memorizing trivia like “the order of fields in VPC Flow Logs,” it’s about understanding how to find the answers quickly. Quelle: LastWeekinAWS

Der nächste Schritt, den Microsoft unternimmt, sind “Advanced Specializations” die stärker auf der Auditierung der Konzepte oder erbrachter Leistungen basieren. Zeitaufwändiger, aber mE aussagekräftiger als Anzahl-Leute-die-ich-auf-welchem-Wege-auch-immer-durch-Zertifizierungen-brachte.


  1. Siehe Microsoft Dokumentation zu Kompetenznachweis ↩︎

  2. Danke an Bernhard Rytz - diese Bewerbungsfrage vergesse ich nie mehr. ↩︎

  3. Seine eigenen Recherchen anzustellen ist ja grad gross in Mode. ↩︎